In der Regulierung von Krypto-Unternehmen spielt das Fürstentum den Vorreiter. Das lockt digitale Glücksritter aus aller Welt an – darunter auch die schwarzen Schafe?

Von Johannes Ritter

VADUZ, 24. August

Ob Berlin. London- Tokio oder Paris. ln den meisten Hauptstädten dieser Erde ist richtig was los. Nicht so in Vaduz. Die Hauptstadt von Liechtenstein zählt gerade einmal 5000 Einwohner und ist so verschlafen, dass sie Einheimischen und Besuchern einen kostenlosen Platz für ein Nickerchen bietet: In der Fußgängerzone hat das Tourismusbüro bunte Liegestühle aufgestellt.

Nur ein Steinwurf davon entfernt, am Peter-Kaiser-Platz, steht das imposante historische Regierungsgebäude des Fürstentums. In dessen Innern geht es auch ruhig zu. Gearbeitet wird dort aber trotzdem. Regierungschef Adrian Hasler will den von Schweiz und Österreich umzingelten Kleinstaat, der lange Zeit nur als Zufluchtsort für Steuersünder bekannt war und daher international stark in der Kritik stand, zu einem hochinnovativen Finanzstandort machen. Mit seinem Programm ,,lmpuls Liechtenstein” will Hasler, der zugleich auch als Finanzminister amtiert, Krypto-Unternehmer aus aller Welt anlocken.

Das ist zunächst einmal keine besonders originelle Idee. Nur hundert Kilometer entfernt von Vaduz, im Schweizer Kanton Zug, liegt das selbsternannte Crypto Valley. Dort haben sich inzwischen mehr als 200 Unternehmen angesiedelt, die auf irgendeine Art mit der Blockchain-Technologie arbeiten (F.A.Z. vom 24. Juli). Eine Blockchain ist eine verteilte Datenbank, auf der Transaktionen oder Verträge verschlüsselt und damit fälschungssicher sowie ohne Mitwirkung einer zentralen Instanz (wie einer Bank) gespeichert werden. Trotz der starken Position der Schweizer rechnet sich Liechtenstein gute Chancen aus, sich ein schönes Stück vom rasant wachsenden Blockchain-Start-up-Kuchen abschneiden zu können. Denn das sechstkleinste Land der Welt mit weniger als 40 000 Einwohnern ist dabei, einen rechtlichen Rahmen für die Arbeit der digitalen Glücksritter zu schaffen: Die Regierung wird in Kürze ein Blockchain-Gesetz auf den Weg bringen, das nach dem Gang durch die Anhörungs- und Parlamentsschleife im Sommer 2019 in Kraft treten soll. Hasler sieht sein Land hier klar in der Vorreiterrolle: ,,Nach meinem Kenntnisstand wären wir dann die ersten, die Blockchain-Unternehmen einen verbindlichen Rechtsrahmen bieten”, sagt der Regierungschef im Gespräch mit der F.A.Z. in Vaduz.

Warum ist das von Bedeutung? Mit der Blockchain-Technologie wird rechtliches Neuland betreten. Sie bildet die Basis nicht nur für Kryptowährungen wie Bitcoin oder Ether, sondern auch für den Handel mit realen Werten wie Autos oder Immobilien. Derlei Anwendungen werden freilich durch die heutige Finanzmarktregulierung, wenn überhaupt, nur zum Teil abgedeckt. ,,Wer die reale Welt oder Teile davon in ein digitales Blockchainhandelssystem überführt und dieses mit entsprechenden Dienstleistungen unterfüttert. braucht dafür einen Rechtsrahmen, den es so heute noch nicht gibt. Diesen wollen wir mit dem Blockchain-Gesetz schaffen und so die Rechtssicherheit für alle Beteiligten erhöhen’, erläutert Hasler.

Das Ganze ist durchaus paradox: Einerseits profitiert die Branche davon, wenn, so wie in der Schweiz, die Regulierungshürden niedrig sind und die Kapitalaufnahme mittels eines Initial Coin Offerings (lCO) grundsätzlich erlaubt ist. Dabei werden digitale Token, eine Art virtuelle Gutscheine, an Anleger verkauft. Andererseits haben die in Zug ansässigen Blockchain-Entwickler oft Schwierigkeiten im Geschäftsaufbau, weil viele Schweizer Banken aufgrund der rechtlichen Unsicherheiten nicht mit Unternehmen zusammenarbeiten, die sich über ein ICO finanziert haben. Daher schauen die Krypto Nerds sehr interessiert auf das Geschehen im Fürstentum: manche denken bereits über einen Umzug oder den Aufbau einer Niederlassung nach. Ein Anhaltspunkt für das stark zunehmende Interesse am Standort Liechtenstein sind die 150 Anfragen von Gründern und Jungunternehmern, die von Januar bis Mitte August beim Regulierungslabor eingegangen sind. Dabei handelt es sich um ein bei der Finanzmarktaufsicht (FMA) angesiedeltes Team, das sich um ansiedlungswillige Finanztechnologie-Unternehmen kümmert. Dort landeten auch die Gründer der Blockchain-Firma Aeternity, als sie sich vor zwei Jahren von Deutschland aus überlegten, wo sie sich niederlassen sollten. Eine Anfrage bei der deutschen Finanzmarktaufsicht Bafin sei unbeantwortet geblieben, erinnert sich die Aeternity-Geschäftsführerin Marion Vogel. Die FMA hingegen habe freundlich, kompetent und vor allem schnell über die für das Unternehmen gültige Regulierung Auskunft erteilt. Zeit spielt für Krypto-Firmen eine große Rolle, weil ihre Geschäftsidee sonst von einem Rivalen zuerst ausgerollt wird. Seit der Ankündigung des Blockchain-Gesetzes bekomme sie wöchentlich Anfragen anderer Blockchain-Tüftler, die sich in Liechtenstein ansiedeln und daher Ratschläge bei ihr holen wollten, erzählt Vogel. ,,Das Gesetz entfaltet eine enorme Sogwirkung”, bestätigt der Liechtensteiner Anwalt Thomas Nägele, der sich auf die Beratung von Blockchain-Start-ups spezialisiert hat und an der Ausarbeitung des Blockchain-Gesetzes beteiligt war. In seiner Kanzlei können die Kunden mit Bitcoin oder Ether bezahlen. Nägele hebt hervor, dass Liechtenstein im Gegensatz zur Schweiz Mitglied im Europäischen Wirtschaftsraum (EWR) ist. Dies ermöglicht Finanzdienstleistern den Zugang zum EU-Markt.

Richard Zbinden verfolgt eine Doppelstrategie. Seine Coreledger AG hat den Hauptsitz in Liechtenstein, die Entwickler sitzen aber in einem Ableger im Kanton Zug. Der Schweizer Softwareingenieur hat einst dabei geholfen, die technischen Grundlagen zur Abwicklung der Münchner Bank Hypo Real Estate zu schaffen. Heute stellt er mit Coreledger eine Infrastruktur zur Verfügung, auf der reale Vermögenswerte digitalisiert und über die Ausgabe von Token handelbar gemacht werden. Bei der Suche nach dem richtigen Standort habe man sich auch München, Berlin, London und Luxemburg angeschaut. Warum fiel die Wahl auf Liechtenstein? ,,Das Regulierungslabor ist sehr kundenorientiert und hat uns sehr gut behandelt”, schwärmt Zbinden. ‘Wir konnten auf das Know-how der Bankenrevisoren zurückgreifen und unser Geschäftsmodell testen.” Aus dem Steuerhinterziehungsskandal um den früheren Post-Chef Klaus Zumwinkel habe Liechtenstein gelernt und viele ethisch nicht verantwortbare Praktiken eliminiert. Das geplante Blockchain-Gesetz, das unter anderem Aufsichts- und Konkursregelungen sowie Mindeststandards für die Emission von Token enthalten soll, findet Zbinden sehr gut. Denn damit werde die rechtliche Lücke zwischen der realen und der digitalen Welt geschlossen.

In Liechtenstein finden die Krypto-Unternehmer auch eine der wenigen Banken, die keine Berührungsängste hat: Die vor 20 Jahren gegründete Bank Frick & Co. AG hat mehr als 200 Kunden aus der Krypto- und Blockchain-Szene. Wie der Vorstandsvorsitzende Edi Wögerer am schmucklosen Hauptsitz der Bank im Städtchen Balzers erläutert, kommen diese Unternehmen noch zu einem großen Teil aus Zug. Die Bank Frick berät die Unternehmer auch bei ICOs. Allerdings lehne man 80 bis 90 Prozent der Anfragen ab, weil dahinter unseriöse Anbieter oder ein untaugliches Geschäftsmodell steckten, sagt Wögerer. Das Blockchain-Gesetz werde noch viele Start-ups anziehen und prägend sein für die weitere Gesetzgebung in Europa, sagt er. Auch Richard Zbinden von Coreledger ist davon überzeugt, dass andere Länder dem Beispiel Liechtensteins schnell folgen würden. Aber steigen mit dem Zuzug der Blockchain- Pioniere nicht auch die (Reputations-) Risiken für den Finanzplatz Liechtenstein? Rund um Bitcoin, Ether & Co. sind zwar schon viele Investoren sehr reich geworden; etliche Anleger haben aber mit virtuellen Coins und Token ein Vermögen verloren. In der Szene wimmelt es von Großsprechern, Grünschnäbeln und Betrügern – wie überall, wo sehr schnell sehr viel Geld zu holen ist. Man öffne längst nicht jedem ansiedelungswilligen Krypto-Unternehmer die Tür, entgegnet Patrick Bont, der in der Geschäftsleitung der Liechtensteiner Finanzmarktaufsicht sitzt. Und: ,,Wir versuchen die schwarzen Schale auszusortieren.” Auch der Regierungschef Adrian Hasler weist die Vermutung zurück, dass Liechtenstein mit dem Blockchain-Gesetz die Tür für schmutzige Geschäfte öffne. Das Gegenteil sei der Fall: ,,Mit der neuen Regulierung setzen wir die hohen Standards in Bezug auf Geldwäschereiprävention auch im Blockchain-Bereich um.” Damit wachse auch die Sicherheit für die Anleger. Dass Liechtenstein in der Blockchain-Gesetzgebung von Nachahmern eingeholt werden könnte, fürchtet Hasler nicht: ,,Es wäre von Vorteil, wenn andere Länder unseren Regulierungsansatz übernähmen.”

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