Interview Lange herrschte in der Treuhandbranche eine gewisse Ratlosigkeit – Durch die vor zehn Jahren ausgerufene Weissgeldstrategie fehlte plötzlich das wichtigste Geschäftsfeld. Doch nun herrscht wieder Goldgräberstimmung, zumindest bei jenen, die sich auf die Blockchain-Technologie spezialisiert haben. Für Rechtsanwalt Thomas Nägele ist klar, diese Technologie birgt enormes Potenzial, und sie wird nicht nur die Finanzindustrie grundlegend verändern.

 

«Volksblatt»: Können Sie einem Laien «Blockchain» in fünf Sätzen erklären?

Thomas Nägele: Das ist nicht so einfach, da es sich um eine relativ komplizierte Technik handelt. Versuchen wir’s: Blockchain ist eine dezentrale Datenbank, ähnlich einem Register, auf der jegliche Information unter Verwendung von Verschlüsselungstechnologie, also zum Beispiel Geldwerte, Besitzverhältnisse- und auch Grundbuchinformationen sicher abgespeichert, transferiert und wieder abgerufen werden kann. Dezentral ist das System deshalb, weil die Daten nicht auf einem zentralen Server wie bei einer Bank liegen, sondern auf Tausenden Servern gespeichert sind. So ist es praktisch unmöglich, diese Datenbank unrechtmässig zu verändern. Deshalb vertrauen die Nutzer der Blockchain-Anwendungen der Technologie, auch wenn man den einzelnen anderen Nutzern nicht vertrauen würde. Wenn man also beispielsweise 10 Millionen Franken von Liechtenstein nach Japan transferieren will, dann veranlasst man das normalerweise über eine Bank, welcher man vertraut. Dank Blockchain sind solche  transaktionen aber auch ohne zwischengeschaltete Bank und deren vergleichsweise hohen Spesen möglich und sie sind trotzdem sehr sicher.

Banken dürften damit wenig Freude haben. Ist diese Technologie nicht gefährlich für den Bankenplatz Liechtenstein?
Ich bin überzeugt, dass diese Technologie mehr neue Geschäftsfelder schafft, als wegnimmt. Wir haben ja ein recht prominentes Beispiel von einer Bank im Land, die sehr von dieser Technologie profitiert. Microsoft- Gründer Bill Gates sagte bereits in den 90er-Jahren: «Banking is necessary, Banks are not.» Sprich, man wird immer Bankdienstleistungen wie Kontoführung, Geldtransfers,
Kreditvergabe etc. brauchen, aber diese müssen nicht unbedingt von einer Bank durchgeführt werden. Die Frage ist, welche Dienstleistungen können effizienter und kostengünstiger durch diese neue Technologie bereitgestellt werden. Geldtransfers oder der Zahlungsverkehr sind sicher solche Beispiele. Aber ich bin überzeugt, dass sich ein grosser Teil des Bankengeschäfts nicht so einfach ersetzen lässt. Diese beiden Bereiche werden sich ergänzen.

Branchenkenner gehen davon aus, dass sich dadurch die Bankenbranche fundamental wandeln wird. Die Banken sind gefordert, sich auf diese neuen Technologien einzustellen. Tun sie das auch?
Teilweise. Ich gehe davon aus, dass auch die grösseren Banken hierzulande bereits an dem Thema dran sind. Sie tun sicher gut daran, sich vertieft damit zu befassen.

Wird die Veränderung ähnlich tiefgreifend sein wie die Entwicklung des Internets?
Das ist noch nicht absehbar. Diese Technologie wird zu Beginn im Alltag sicher weniger präsent sein. Aber wir stehen erst am Anfang. Als das Internet aufkam und man sich mühselig via Modem jedes Mal einwählen musste und nur ein paar Webseiten aufrufen konnte, hätte man auch nicht gedacht, welchen Einfluss das Internet später auf unser Leben haben wird. Eins ist für mich klar, Blockchain hat enormes Potenzial in vielen Bereichen, nicht nur als Zahlungsmittel. Die Treuhänder, die sich auf dieses Geschäft spezialisiert haben, haben bereits enormen Zuspruch. Es gibt Firmen, die arbeiten an einer blockchainbasierten Lösung für die Nachverfolgung von Schiffscontainern oder es gibt bereits Länder wie zum Beispiel Schweden, die ihr Grundbuch über eine Blockchain laufen lassen wollen. Die Einsatzmöglichkeiten sind also sehr vielfältig.

Wenn wir wieder zu dem Beispiel zurückkommen, das Sie in der ersten Frage beschrieben haben: Eine Transaktion von 10 Millionen Franken von Liechtenstein nach Japan. Wenn Sie das über eine Bank machen, dann ist das stark reguliert. Öffnet diese neue Technologie Geldwäscherei und Steuerhinterziehung nicht Tür und Tor?
Natürlich besteht ein Risiko. Bezeichnend ist, dass sich gerade viele der Firmen, die in diesem Bereich tätig sind, eine Regulierung wünschen. Sie wollen Rechtssicherheit. Die Unternehmen wollen von Anfang Gewissheit darüber haben, dass ihr Geschäftsmodell legal ist und auch in den nächsten Jahren auch legal bleiben wird. Denn es wäre fatal für die Wirtschaft, wenn der Gesetzgeber erst nachträglich kommt und undifferenziert Verbote für bereits funktionierende Technologien und Geschäftsfelder schafft. Daher sind sie auch motiviert, an der neuen  Gesetzgebung mitzuarbeiten. Das Ziel ist es, den Bereich so zu regulieren, dass Missbrauch verhindert wird, dass Kunden geschützt sind und gleichzeitig nicht jede Geschäftsidee im Keim erstickt wird.

Regierungschef Adrian Hasler hat angekündigt, ein Blockchain-Gesetz schaffen zu wollen. Sie sind bei Erarbeitung dieses Gesetzes beteiligt. Denken Sie, dass der Standort Liechtenstein durch dieses Gesetz künftig die gewünschte Rechtssicherheit in dem Bereich bieten kann?
Ja, den Ansatz halte ich für sehr vielversprechend. Ziel ist es, den Standort Liechtenstein noch attraktiver für FinTech-Unternehmen zu gestalten. Bei dem Gesetzesvorhaben fliesst auch die Erfahrung von Unternehmen mit ein, die sich bereits hier angesiedelt haben und ihr Know-how einbringen können. Wie gesagt, im Kern geht es darum, diese neuen Technologien zuzulassen,
aber Missbrauch wie Geldwäscherei möglichst zu verhindern. Schliesslich wollen wir den fahlen Beigeschmack aus der Vergangenheit, der beim Gedanken an Liechtenstein leider noch immer in gewissen Köpfen ist, endgültig ausmerzen. Wenn wir es schaffen, in diesem Bereich Vorreiter und Musterschüler zu sein, der einen klaren Rechtsrahmen setzt, dann haben wir enorme Chancen.

Wenn Liechtenstein aber als erstes und vielleicht auch einziges Land ein solches Gesetz hat, verbauen wir uns dann nicht auch gewisse Optionen?
Nein, wir können hier wirklich eine Vorreiterrolle einnehmen, so wie wir es damals mit dem PGR geschafft haben, auf dem unser Stiftungswesen basiert. Ziel wäre es, dass andere Staaten die innovative Gesetzgebung Liechtensteins zum Vorbild nehmen. Aber natürlich sind wir nicht die Einzigen, die an solchen Vorhaben arbeiten. Auch andere Länder sind in diesem Bereich aktiv.
In der Schweiz hat die Finanzmarktaufsicht FINMA entsprechende Leitlinien veröffentlicht und klargestellt, wie sie auf Basis des bestehenden Finanzmarktrechts mit Unterstellungsanfragen zu Initial Coin Offerings umgehen wird. Auch weitere Länder haben bereits entsprechende Richtlinien erlassen oder arbeiten mit Hochdruck daran.

Wenn auch andere Länder dran sind, da fragt man sich schon, warum diese dann gerade auf Liechtenstein blicken sollten. Werden Liechtensteins Bemühungen in dem Bereich überhaupt wahrgenommen?
Ja, durchaus. Internationale Fachmedien haben über dieses Vorhaben berichtet, auch der Regierungschef wurde dazu interviewt. Insgesamt ist das Feedback in den einschlägigen Kreisen ausserordentlich positiv. Vor zwei Wochen war ich an einer Podiumsdiskussion an einer Blockchain-Konferenz in Dübendorf beteiligt und dort haben in der Branche bekannte Namen die Aussage getroffen, dass Liechtenstein für sie ein attraktiver Standort sei. Eben genau darum, weil man hier verhältnismässig viel Rechtssicherheitfindet und es hierzulande sehr viel Wissen und Erfahrung im Finanzbereich gibt. Es wird auch anerkannt, dass das nicht nur eine Marketing-Aktion unseres Landes ist, sondern dass man sich wirklich um eine tragfähige Lösung bemüht und bei der Gesetzgebung die Erfahrungen der FinTechs miteinbezieht.

Den letzten Punkt kann man aber auch kritisch sehen. Kommt es gut, wenn sich eine Branche quasi selbst reguliert bzw. ihr eigenes Gesetz schreibt?
Es ist nicht so, dass die Branche das eigene Gesetz schreibt. In diesem Prozess sind natürlich Experten vonseiten der Finanzmarktaufsicht oder der Regierung federführend. Aber verschiedene Finanzplatzakteure konnten mitarbeiten und ihre Erfahrungen einbringen. Das macht auch Sinn, denn gerade in einem so innovativen Feld ist eine breite Zusammenarbeit wichtig. Das Vorhaben ist auch kein Schnellschuss – die Arbeitsgruppe ist bereits seit über eineinhalb Jahren an diesem Vorhaben dran.

Blockchain bietet nicht nur Optionen für Unternehmen, sondern auch der Staat kann diese Technologie nutzen.Was für Möglichkeiten sehen Sie diesbezüglich für Liechtenstein?
Grundsätzlich könnten viele Bereiche, bei denen Datenbanken zum Einsatz kommen, mit Blockchain-Technologie sicherer und effizienter gestaltet werden. In der Verwaltung gäbe es da viele Anwendungsmöglichkeiten. Wie gesagt, andere Ländern nutzen die Technologie beispielsweise für ihr Grundbuchregister. Basierend auf dieser Technologie könnte Liechtenstein auch eine eigene Währung herausgeben.

Eine eigene Kryptowährung? Würde Liechtenstein das etwas nützen?
Das ist genau die Frage, die man sich dabei stellen muss. Es gibt Nationalstaaten, die eine eigene
Währung herausgegeben haben. Der Aufwand, den man dafür betreiben muss, ist verhältnismässig gering. Man könnte die Kryptowährung beispielsweise an den Franken koppeln. So wäre sie nicht dieser Volatilität anderer Kryptowährungen ausgesetzt. Das könnte schon eine Chance sein. Andere Länder haben auch die Möglichkeit geschaffen, dass man gewisse Dienstleistungen oder einen Teil der Steuerrechnung mit Kryptowährungen bezahlen kann, das wäre vielleicht mal ein erster Schritt.

Blockchain 1×1 – Rechtlicher Aspekt

Thomas Nägele ist Rechtsanwalt in Vaduz mit eigener Kanzlei und Präsident der Crypto Country Association Liechtenstein. Ausserdem ist er Lehrbeauftragter für ITRecht der Uni Liechtenstein. Im Rahmen einer Veranstaltung heute Abend ab 18 Uhr im Technopark in Vaduz wird Nägele die
rechtlichen Aspekte rund um Blockchain und Kryptowährungen beleuchten.

Erschienen im Liechtensteiner Volksblatt. Von Doris Quaderer